Der Altar

Der Marienaltar 

(1513 in Auftrag gegeben)

erzählt die Glaubensgeschichte der

Menschen des ausklingenden Mittelalters.

In der Mitte das Kind, das Gott in diese Welt geschickt hat, umgeben von den Personen, die mit ihrem Glanz durchscheinend werden sollten für das Licht, das durch Christus in die Welt gekommen ist.

Maria, als Himmelskönigin auf der Mondsichel stehend und mit einem Strahlenkranz umgeben, war für die Menschen der vorreformatorischen Zeit Mittlerin zwischen Mensch und Gott.

Das Gottesbild dieser Zeit war geprägt durch die Vorstellung vom allmächtigen, strafenden, richtenden Gott, dem der Mensch sich nicht ohne Mittler und Fürsprecher zu nähern wagte. Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach Barmherzigkeit, Wärme und Geborgenheit ihren Ausdruck in der Marienverehrung fand.

Martin Luther hat unter diesem Gottesbild gelitten und wäre daran zerbrochen, wenn er nicht durch sein intensives Bibelstudium den Widerspruch zwischen dieser Vorstellung und der neutestamentlichen Botschaft von einem gnädigen Gott gefunden hätte.  

 

Die Predella

Der Altar ist vor allem ein Tisch, der die Gläubigen zur Gemeinschaft mit Gott einlädt: Auf Augenhöhe angebracht ist deshalb zwischen Altarschrein und -tisch das Bild vom letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Es zeigt die nach vorn geöffnete Tischrunde der Jünger.  In der Mitte sieht man Jesus, der dem Judas gerade einen Bissen reicht, obwohl er von dem bevorstehenden Verrat weiß. Dieses Bild verbindet die Zeugen seines Lebens mit denen, die an diesem Tisch auch heute zu seinem Gedenken zusammenkommen und einander Brot und Wein weiterreichen.

Der runde Tisch hat etwas Einladendes, als gehörte der Betrachter dazu.

 

 

Außenseiten der Flügel....

... gemalt von Heinrich Heisen nach Holzschnitten von Albrecht Dürer:

1. Der Engel Gabriel besucht Maria und kündigt die Geburt des Kindes an. Die Menschen damals kannten den Wortlaut der Verkündigung und auch den Lobgesang der Maria, das Magnifikat, das im Lukasevangelium dieser Geschichte folgt.

2. Lukas beginnt seine Jesusgeschichte mit der Ankündigung der Geburt des Johannes und berichtet, dass Maria voller Freude über die eigene Schwangerschaft ihre Verwandte Elisabeth aufsucht.

3. Es folgt darunter die Anbetung der Hirten, denen sich der Himmel geöffnet hatte. Arme Leute ohne Ansehen sind die ersten Besucher, schreibt Lukas. Besonders ihnen gilt die Botschaft von der Geburt des Heilandes.  

4. Das letzte Bild bezieht sich auf den Beginn des Matthäusevangeliums. Für diesen Evangelisten ist das Kind der Messias der weit über den jüdischen Raum hinausreichenden Welt. Deshalb beginnt er seine Jesusgeschichte mit den Weisen, die von fern her aus dem Morgenland kommen, und schließt am Ende mit dem Taufbefehl: „Gehet hin in alle Welt ….“ Im Bild wird dieser Gedanke aufgenommen, es zeigt drei anbetende Botschafter aus den damals bekannten Erdteilen - Afrika, Asien und Europa – die dem Kind Geschenke bringen. 

 

 

Ein Altar soll verändert werden:

Umgestaltung vor 70 Jahren

Im Jahr 1949 wird im Kirchenvorstand Sankt Marien über die Umgestaltung des Altars beraten. Nach fast 300 Jahren hat, so stelle ich es mir vor, das Amt für Bau- und Kunstpflege darauf gedrungen, dem Altar wieder zu seinem ursprünglichen Aussehen zu verhelfen.

Das bedeutete: Die Kanzel sollte wieder einen eigenen Platz bekommen und in der Mitte des Altars die Frauenfiguren und die Maria mit dem Kind wieder eingefügt werden.

„Ohne Kanzel kann man in der Adventszeit die Altarflügel schließen! Das gefällt mir.“ „Aber Maria in der Mitte, wollen wir das?“  „Unser Auftrag ist vor allem die Verkündigung, deshalb gehört die Kanzel in die Mitte unseres evangelischen Altars!“ „Die Verehrung der Maria passt nicht zu uns!“

So oder ähnlich können damals in den Sitzungen die Meinungen ausgetauscht worden sein, wir wissen es nicht.

Spannend ist jedoch das Ergebnis der Gespräche im Jahr 1949. 

Ein Altar soll dem Betrachter

so etwas wie eine Predigt in Bildern halten,

die in der jeweiligen Zeit, die Glaubensvorstellungen

des Künstlers und der Auftraggeber ausdrücken.

Nun war der  Kirchenvorstand von St. Marien Auftraggeber. 1949,  vier Jahre nach Kriegsende hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt durch die vielen Flüchtlinge verdoppelt. Sie alle brachten leidvolle Erfahrungen mit.

Die Frage war nun: Welche Botschaft sollte in dieser Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs von diesem Altar ausgehen?

Nach dem Ende des Krieges wollte man das Leiden und Sterben Jesu und seine Parteinahme für die Außenseiter und Fremdlinge sichtbar machen. Deshalb wurde beim Rückbau  über dem Altar, abweichend von der ursprünglichen Gestaltung, ein großes Kruzifix angebracht. 

Das Bild hier zeigt nun den Altar mit geschlossenen Flügeln. Man sieht:

Das Kreuz, der eigentliche Anlass, von der Geburt Jesu zu erzählen,  steht über der Geschichte von Weihnachten und korrespondiert mit dem Bild vom letzten Abendmahl unten in der Predella.

In der Adventszeit wird der Altar geschlossen sein, um ihn dann zum Weihnachtsfest in seinem ganzen Glanz zu zeigen.

Seit fast 70 Jahren ergänzen Kreuz und Abendmahlsbild nun den mittelalterlichen Altarschrein, und die Kanzel hat ihren eigenen Platz in der Nähe der Gemeinde.

Schauen Sie nach! Die Kirche ist täglich geöffnet.                                                     Uta Herrmann 

 

aus: Von Turm zu Turm, Nr.16

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